Religions- und Kultursensibilität

Essay: Werte vermitteln

Integration braucht Religions- und Kultursensibilität. Die Erfahrungen aus dem Projekt religions- und kultursensible Pädagogik können bei der Integration von (jungen) Flüchtlingen helfen. So können wir erreichen, dass die Vermittlung von Werten in einem Dialog stattfindet - und nicht als Einbahnstraße. Dieser Dialog beginnt am besten mit Fragen an die Jugendlichen.

Die Jugendhilfe der Stiftung Rauhes Haus in Hamburg führte gemeinsam mit der Akademie der Weltreligionen an der Universität Hamburg eine Befragung Jugendlicher über ihre Werte, Hoffnungen und ihren Glauben durch. Gesprochen wurde mit Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. Allen gemeinsam waren existenzielle Krisenerfahrungen, zum Beispiel die Trennung von ihrer Familie. Einige hatten die Familie zurückgelassen oder auf der Flucht verloren, bei anderen brach die Familie auf Grund anderer Belastungen auseinander. Die Antworten flossen einerseits in eine wissenschaftliche Arbeit über die Religiosität von Jugendlichen ein, waren aber zugleich Teil unserer pädagogischen Arbeit mit ihnen. Durch die Fragen lernten wir die Glaubensvorstellungen der Jugendlichen kennen, zugleich fühlen sie sich in ihrer Ganzheit wahrgenommen, was uns half, ihr Vertrauen zu gewinnen.

„Ich bin sicher, dass die Zukunft noch was zu bieten hat“

Gerade bei muslimisch geprägten Jugendlichen ist Religion oft ein zentraler Teil ihrer Lebenswelt, der ihren Alltag prägt und strukturiert. Nicht zuletzt fördern die Fragen auch für den Jugendlichen selbst die individuellen Kraftquellen zutage, die in der ressourcenorientierten Arbeit grundlegend sind. Den Interviewern fiel auf, dass fast alle trotz ihrer schicksalhaften Erfahrungen positive Erwartungen an ihre Zukunft hatten. Ein Junge sagte: „Wenn es im Moment auch schwer ist und nicht gut läuft, bin ich sicher, dass die Zukunft noch was zu bieten hat. Das kann doch nicht alles gewesen sein!“

Die Jugendlichen hoffen auf ein Leben mit einem Beruf, der ihnen Spaß und Erfüllung bereitet. Das gibt ihnen Kraft, Herausforderungen anzugehen. Fast alle Jugendlichen glauben an eine Kraft, die über den Menschen ist und die Welt irgendwie zusammenhält. Woher diese Zuversicht kommt, ob sie sich aus einem wie auch immer definierten Glauben speist, ist für ihre Wirksamkeit zunächst nicht entscheidend. Diese jugendlichen Hoffnungen und ihre überraschende Zuversicht stellen kostbare Ressourcen dar, die es unbedingt zu wahren und zu stärken gilt.

Rolle des Glaubens bei muslimischen Jugendlichen

Während von den deutschen Jugendlichen ein eher diffuser Glaube beschrieben wurde, sind die Glaubensvorstellungen bei Jugendlichen aus muslimischem Umfeld deutlich konkreter. Ein unbegleiteter Flüchtling sagte: „Ohne meinen Gott hätte ich den Weg über Meere und durch die vielen Länder nicht geschafft.“ Es liegt nahe, bei der Arbeit mit ihnen diesen Lebensbereich nicht auszusparen. Etwas zu hören über die Glaubensvorstellungen und die konkreten religiösen Vorschriften, hilft beim gegenseitigen Kennenlernen. Allerdings setzt es beim Betreuer oder Erzieher auch die Bereitschaft voraus, über die eigenen Werte und Glaubensvorstellungen offen und konkret zu sprechen, wenn der Jugendliche danach fragt.

Meine Werte, deine Werte

Viele muslimisch geprägte Jugendliche übernehmen religiöse Vorschriften und hinterfragen sie nicht. Werden diese Regeln von ihnen absolut gesetzt, entstehen daraus leicht Konflikte. Wer junge Menschen bei der Integration unterstützen will, sollte dies erkennen und ansprechen. Wenn sie dauerhaft in Deutschland leben möchten, hilft es ihnen, sich mit unserem Wertesystem zu beschäftigen. Das bedeutet, ihre eigenen Werte und die in der aufnehmenden Gesellschaft vorherrschenden Werte miteinander in Beziehung zu setzen. Wo gibt es Übereinstimmungen? Wo sind die Unterschiede groß?

Aber welches sind die Werte, mit denen wir in Deutschland leben? Verschiedene Religionsgemeinschaften haben je eigene Vorschriften und Werte, selbst die christlichen Kirchen sind sich nicht in allen Punkten einig. Viele Menschen fühlen sich auch gar keiner Religionsgemeinschaft zugehörig, zeigen sich noch am ehesten dem Humanismus verbunden und den Menschenrechten. In der religiösen und kulturellen Vielfalt kann nur ein weithin akzeptierter nicht-religiöser Wertekanon die Grundlage des Zusammenlebens bilden. In Deutschland liegt es nahe, dafür das Grundgesetz heranzuziehen.

Grundgesetz schützt Vielfalt

Während in Deutschland aufwachsende Jugendliche mindestens indirekt mit den darin festgelegten Regeln vertraut sind, ist es für Flüchtlinge komplettes Neuland, mit dem  sie sich vertraut machen müssen. Das Grundgesetz schützt die persönliche Freiheit wie zum Beispiel das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung oder die freie Religionsausübung, die freie Berufswahl, das Recht auf Bildung, die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Es stellt die Familie unter besonderen Schutz, fordert gewaltfreie Erziehung ein und auch das Recht auf Asyl für politisch Verfolgte gehört dazu. Auch wenn es gar nicht auf eine Einwanderungsgesellschaft hin entwickelt wurde, steckt im Grundgesetz viel Bindekraft für eine Gesellschaft der Diversität. Es ist sowohl für die Jugendlichen als auch für Betreuer hilfreich, sich damit eingehender zu beschäftigen. Dafür stehen auch eine ganze Reihe von Büchern und Broschüren über das Grundgesetz zur Verfügung, die sich auch an Jugendliche wenden.

Wenn die Werte kollidieren

Möglicherweise vertreten Menschen, die neu zu uns gekommen sind, Werte, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sind. Diesen Konflikt zwischen Gesetz und religiösen Vorschriften kannten sie aus ihrer Heimatkultur vielleicht nicht. Die inhaltliche Reflexion ist hier ganz wichtig, Bildung darf nicht nur darin bestehen, eine Anpassungsleistung zu verlangen. Wir müssen darauf hinwirken, dass nicht etwa religiöse Werte über die im Grundgesetz festgelegten Regeln eines Zusammenlebens in gegenseitigem Respekt gesetzt werden. Das bedeutet, die eigene religiöse Praxis und die individuellen Werte haben Grenzen: Da wo sie die Freiheiten oder die Würde anderer Menschen verletzen oder einschränken. Ein friedliches Zusammenleben in der Vielfalt gelingt nur, wenn jeder die Lebensweise oder auch die religiöse Praxis der anderen respektiert.

Der große Unterschied: Religiosität

Damit Religiosität für junge Flüchtlinge nicht zu einem Integrationshindernis wird, ist es besonders wichtig ihnen nahezubringen, was in Deutschland Religionsfreiheit bedeutet. Die Freiheit zu entscheiden, ob ein Mensch eine Religion ausübt und welche - wie auch die Freiheit, areligiös zu sein - kann nur bewahrt werden, wenn die säkularen gemeinsamen Werte stets über einzelnen religiösen Vorschriften stehen.

Menschen, die gezwungen sind, sich sehr schnell in diesem Land zu orientieren, werden die grundlegenden Werte kaum im stillen Kämmerlein systematisch studieren können. Sie erleben stattdessen in ihrem konkreten Umfeld, wie sie als ein Gemisch aus gesetzlich geregelten Rechten und Pflichten sowie regionalen Traditionen und Gewohnheiten gelebt werden – sicher auch nicht immer vorbildlich und perfekt. Sie werden ihrerseits viele Fragen dazu haben. Hilfreich ist für sie dabei die religions- und kultursensible Unterstützung durch ehrenamtliche Bildungspartner, Lehrer, Erzieher und Sozialpädagogen in außerschulischen Freizeit- und Bildungseinrichtungen sowie Schulkameraden und Nachbarn.

Religions- und kultursensible Bildungsarbeit

Religions- und Kultursensibilität meint in diesem Zusammenhang, sich auf das einzustellen, was die neuen Mitbürger aus ihrer Religion und Kultur mitbringen. Das bedarf einer guten Kommunikation auf Augenhöhe, damit Unterstützer und Jugendlicher den Dialog als bereichernd erleben.

Je motivierter die Jugendlichen Deutsch lernen, desto schneller können sie auch Zusammenhänge im gesellschaftlichen Umgang erfassen. Im Internet gibt es mehrere Ratgeber für Flüchtlinge, die bei der ersten Orientierung im Alltag hilfreich sind.

Man kann diese Orientierung mit dem Erwerb einer Fremdsprache vergleichen, wir erwarten also von den jungen Flüchtlingen gewissermaßen, dass sie sich gleich zwei neue Sprachen aneignen. Beim Erlernen einer neuen Lebensweise ist es außerordentlich wichtig, die bisherige kulturelle Zughörigkeit weiterhin wertzuschätzen und stolz auf die eigene Vielsprachigkeit als Kompetenz zu sein. Fatal wäre eine Anpassung um jeden Preis. Die Folge wäre eine Schwächung, wenn nicht sogar ein Verlust der eigenen Identität mit schwerwiegenden psychischen Folgen.

Anforderungen an Lehrer und Betreuer

Die Personen, die den Jugendlichen ehren- oder hauptamtlich durch Bildung und Beratung bei ihrer Integration behilflich sind, haben in der Regel keine solche Mehrsprachigkeit. Umso wichtiger ist ihr Interesse an den Kulturen und Religionen, die die Jugendlichen aus ihren Kulturen mitbringen. Die Jugendlichen selbst können berichten und über eigene Recherche, den Austausch mit Kollegen etc. erschließt sich besser, welche Werte in ihrer Herkunftskultur gelten. Dieser Dialog bringt im besten Fall auch die individuellen Kraftquellen der Jugendlichen ins Gespräch. Hieran kann die ressourcenorientierte Pädagogik anknüpfen. Es ist eine Arbeit auf mehreren Ebenen: Gerade bei Jugendlichen, die nur über begrenzte Deutschkenntnisse verfügen, wirken die Betreuer und Lehrer außer durch Reden auch durch ihr Verhalten und Handeln.

Fremdheit und Teilhabe

Wertevermittlung findet in Alltagszusammenhängen statt. Je eher ein in eine Gemeinde neu zugezogener Jugendlicher bereit ist, sich in bestehenden Vereinen, Nachbarschaften oder Initiativen zu engagieren, selbst wenn er nur begrenzt Deutsch versteht, desto leichter lernt er sich in der neuen Umgebung zu orientieren und zugehörig zu fühlen. Jugendliche, die ihre Fremdheit nur schwer überwinden können, weil ihre Religion und Kultur sie mit vielen Vorbehalten ausstattet, haben es dagegen viel schwerer sich zu integrieren. Oft sind Mädchen davon stärker betroffen als Jungen. Sie wissen nicht, wie sie sich in dem neuen Land einbringen können, ohne ihre Religion und Kultur zu verraten. In diesen Fällen hat es sich bei muslimischen Jugendlichen als sehr nützlich erwiesen, Kontakt zu einer Moschee aufzunehmen. Sehr gute Erfahrungen wurden beim Rauhen Haus damit gemacht, einen Imam, mit dem bereits ein guter Kontakt bestand, in die Bildungs- und Integrationsarbeit einzubeziehen. Seine Meinung zählt bei stark religiös orientierten Jugendlichen deutlich mehr und hilft ihnen, sich in ihrer neuen Umwelt zurechtzufinden.

Wertevermittlung ist Beziehungsarbeit

Wertevermittlung ist ein komplexes Geschehen, der ganze Alltag ist einbezogen, auch Freizeitangebote. Wir konnten in unserem Projekt der religions- und kultursensiblen Pädagogik Praxiserfahrungen sammeln, die Mut machen. Glaubensvorstellungen in die ressourcenorienterte Pädagogik miteinzubeziehen ist noch neu und ungewohnt. Es hilft aber gerade bei Jugendlichen, die religiös und neu in Deutschland sind, eine vertrauensvolle Beziehung zu ihren Betreuern aufzubauen. Das ist die beste Voraussetzung für die Vermittlung von Werten. Im weiteren Verlauf hilft diese Beziehung gerade auch mit heiklen Fragen oder in möglichen Krisen konstruktiv mit den Jugendlichen zusammenzuarbeiten.