Religions- und Kultursensibilität

Respekt vor Ort: Das Gute-Laune-Kaufhaus

Bei der Arbeit über Gott und die Welt reden können: Das klingt nach einem lebendigen Austausch und einem guten Miteinander. Was aber, wenn es wörtlich genommen wird? Hat das Thema Glaube einen Platz im Alltag? Und wie gehen einzelne Einrichtungen im Rauhen Haus damit um? Wir haben im Kaufhaus Ran&gut! einmal nachgefragt.

Eine Rentnerin stöbert neben dem Eingang beim Nippes, sie schaut Porzellanfiguren, Aschenbecher und kleine Vasen an: "Ich komme hier gerne her, auch wenn ich nichts Bestimmtes suche. Neulich habe ich dabei eine günstige Kaffeemaschine gefunden, die ich mir neu nicht hätte leisten können." Im dem Kaufhaus am Rande von Kaltenkirchen arbeiten zwölf Menschen mit Behinderung, vier pädagogische Kräfte und mehrere Ehrenamtliche. Fatma (27), die heute an der Kasse arbeitet, wird gefragt, ob die Lampe, die ihr eine junge Frau hinhält, auch funktioniert. Sie weiß Bescheid: "Klar, alle Elektrogeräte werden getestet, bevor wir sie verkaufen." Auf einen Handel lässt sie sich allerdings nicht ein: "Die Lampe kostet fünf Euro. Wir haben Festpreise." Die Kundin erwirbt die Lampe trotzdem.

Jeder darf sein, wie er ist
"Wenn ich morgens komme, dann habe ich manchmal noch schlechte Laune", sagt Fatma, die in einer Wohngruppe lebt, "aber wenn ich dann hier bin, geht es mir gut." Juliane Geuke ist als Teamleiterin im Stiftungsbereich Teilhabe mit Assistenz für das Kaufhaus zuständig: "Ich finde oft, dass Menschen mit Behinderung unterschätzt werden. Das Wertvollste, was sie meiner Meinung nach mitbringen, ist ihre Offenheit. Sie nehmen jeden Menschen so an, wie er ist." Außerdem seien viele von ihnen echte Kämpfernaturen: "Sie finden Kompensationsmöglichkeiten, sie machen trotz Handicap viele Dinge und erhalten sich ihre Lebensfreude." Den Ansatz Religions- und Kultursensibilität findet Juliane Geuke sehr interessant. "Ich könnte mir gut vorstellen, dass man daraus eine Fortbildung macht, die inklusiv ist."

Gespräche über den Glauben finden im Arbeitsalltag im Kaufhaus kaum statt. Juliane Geuke erlebt aber, dass einige der Beschäftigten wie Marco (44) ganz selbstverständlich mit Gott reden. Sie erzählt ein kleines Beispiel: "Da fragt er dann 'Gott?', dann verstellt er seine Stimme und antwortet ganz tief 'Ja, Marco?', dann wieder mit seiner Stimme 'Wie wird das Wetter?' Und dann wieder mit tiefer Stimme 'Es wird nicht regnen, Marco.'" Juliane Geuke schmunzelt. "So stellt er sich Gott vor, mit tiefer Stimme. Was heißt denn Glaube? Viele Leute stresst es, weil sie denken, sie müssten zuerst das Vaterunser können und die Bibel kennen. Ich muss alles wissen über die Kirche, so hab ich das früher selbst oft empfunden. Da sind manche hier viel entspannter."

Rollentausch
Im Kaufhaus verändern sich die Rollen: Menschen mit Behinderung, die für einige Aufgaben des Alltags Assistenz brauchen, können hier den Kunden helfen. "Wir haben Kleidung für Damen und Herren", erzählt Sarah (37), eine zierliche junge Frau, die in der Kleiderdiele gegenüber der großen Verkaufshalle ganz in ihrem Element zu sein scheint: "Ich mache hier auch Farb- und Stilberatung!" Was ist für sie das Besondere an diesem Laden? "Wenn unsere Kunden hier zur Tür hereinkommen, dann fragen sie, wie es uns geht. Das gibt es doch bei keinem anderen Laden!" Eine Kundin bedankte sich sogar per Post mit einer Karte beim Team, auf der ein rotes Herz prangt: "Ich hoffe, dass Ihr durch Eure Arbeit, den Einsatz und die Freundlichkeit noch vielen Einkommensschwachen und anderen eine Freude machen könnt – bei mir hat’s geklappt!" Den einen oder anderen nicht so sympathischen Kunden gibt es auch. "Manche wollen schummeln", sagt Fatma und kneift die Augen zusammen. "Sie kleben ein falsches Preisschild auf die Ware. Ich merke das aber meistens."

Raum für Wünsche und Dank
Weil sie es selbst wichtig findet und die Touren mit organisiert, lädt Juliane Geuke die Beschäftigten ein, zu Pilgertagen oder auch zum Wandern auf dem Jakobsweg mitzukommen. "Da kommen dann die verschiedensten Menschen zusammen und es entstehen auch Gespräche über die Grenzen der eigenen Möglichkeiten. Was kann ich in meinem Leben noch schaffen und was nicht?" Das sei eine Frage, die viele beschäftige, ob nun mit oder ohne Handicap.

Hintergrund
Journalistin Anke Pieper und Projektleiter Michael Tüllmann haben das Kaufhaus Ran&gut! im September 2017 besucht, um sich ein Bild zu machen.

Seit 2012 gibt es das Kaufhaus Ran&Gut! in Kisdorf bei Kaltenkirchen in Schleswig-Holstein. Der Soziale Arbeitskreis hat gemeinsam das Konzept für den Betrieb des Kaufhauses entwickelt. Es bietet Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung (13 Plätze) und ist eine Alternative zu Werkstätten. Gleichzeitig lebt das Kaufhaus durch die Beteiligung vieler ehrenamtlich engagierter Bürgerinnen und Bürger (15). Das Kaufhaus Ran&Gut! gehört zum Stiftungsbereich Teilhabe mit Assistenz des Rauhen Hauses.