Religions- und Kultursensibilität

Auch in der Schule: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

"An unserer Schule kommt man praktisch mit der ganzen Welt zusammen. Es ist spannend, verschiedene Traditionen und Kulturen kennenzulernen", sagt eine Schülerin des Kurt-Körber-Gymnasiums in Hamburg-Billstedt. Und eine Mitschülerin ergänzt: "Wenn wir voneinander etwas wissen, z.B. durch Ausflüge in Moscheen, Kirchen und Synagogen, können wir uns besser verstehen." In ihrer Schule bekommen Besucher direkt beim Betreten des Gebäudes einen Eindruck von der Vielfalt der Schülerschaft. Das Flaggenbild im Foyer zeigt die aktuell 35 verschiedenen Herkunftsländer.


Kooperation und Austausch

Die Schule kooperiert mit dem Rauhen Haus bereits seit zehn Jahren in der Schulsozialarbeit. Erklärtes Ziel ist es, Vielfalt als Stärke zu begreifen. Wie werden Schüler, Lehrerkollegium und Eltern auf diesen Weg mitgenommen? Etwa 80 Prozent der Gymnasiasten hier haben einen Elternteil, der nicht in Deutschland geboren wurde. Viele sind muslimisch, andere gehören einer christlichen Kirche an oder sind Sikhs. Verschiedene Kulturen in einer Schule täglich zu erleben, vermittelt Wissen über andere Religionen und Kulturen. Und es ist eine Chance für gelingendes Zusammenleben mit Menschen unterschiedlicher Herkunft in den Sozialräumen der Stadt.

Leben in Billstedt


In dem Stadtteil mit 70.000 Einwohnern im Osten Hamburgs leben mehr jüngere Menschen. Rund die Hälfte der Billstedter hat einen Migrationshintergrund. Im Vergleich zum Hamburger Durchschnitt verfügen die Menschen über ein kleines Einkommen; doppelt so viele beziehen Transferleistungen. Der Anteil der Haushalte mit Abitur ist deutlich geringer als im Hamburger Westen. 

Das Kurt-Körber-Gymnasium wurde 1968 als Gymnasium Billstedt gegründet. 2007 wurde es nach dem Hamburger Unternehmer und Mäzen Kurt A. Körber benannt. In der Schule kommen Schülerinnen und Schüler aus 35 Herkunftsländern zusammen, die alle das Abitur anstreben. Es sind Christen unterschiedlicher Konfessionen, Muslime, Sikhs und Buddhisten, Anhänger weiterer Religionsgemeinschaften und Schülerinnen und Schüler ohne Religionszugehörigkeit. 




Raum für existenzielle Fragen

Die Beschäftigung mit dem eigenen Glauben gilt an der Schule als bedeutendes Bildungsziel. Schulleiter Christian Lenz ist überzeugt, dass es für die großen Fragen nach dem Woher und Wohin in der Schule ausreichend Raum geben sollte: "Das ist geradezu eine Voraussetzung für gute Bildung." Glaube erweise sich zudem oft als eine Kraftquelle und fördere die Resilienz. Wie an allen Hamburger Schulen werden im Fach Religion nach dem Hamburger Modell Schüler aller Glaubensrichtungen gemeinsam unterrichtet. Doch die Schule tut seit einigen Jahren noch deutlich mehr. Seit drei Jahren ist die Arbeitsgruppe Interkulturelles Lernen aktiv. Schüler können freiwillig an einer Reli-Akademie teilnehmen und dort ihr Wissen vertiefen. Das Gymnasium bildet außerdem Freiwillige als Elternmentoren aus. Diese sind im "Elterncafé" einmal im Monat als Ansprechpartner präsent. Schülermentoren unterstützen jüngere Schüler beim Lernen - und sind Ansprechpartner bei Problemen.


Glaube und kritisch-aufgeklärtes Denken

Die Schule habe den "Auftrag, die Schüler zu befähigen, ein aufgeklärtes Verhältnis zu ihrer Religion zu bekommen", erklärt Schulleiter Christian Lenz. Die Schule biete die Chance, dies einzuüben. Wer in der Schule lerne, über seinen Glauben zu sprechen und eigenständig darüber nachzudenken, der falle nicht auf Hassprediger und Fundamentalisten herein. Ihrer Schulcharta hat die Schule Art. 1 des Grundgesetzes vorangestellt: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieses Prinzip steht über den unterschiedlichen Wert- und Moralvorstellungen und verpflichtet alle auf einen toleranten und respektvollen Umgang miteinander. 
Sozialpädagogin Katja Röschmann arbeitet sowohl in der Jugendhilfe des Rauhen Hauses als auch mit einer halben Stelle im Gymnasium. Sie hat regelmäßige Sprechzeiten an der Schule, beteiligt sich an der AG Interkulturelles Lernen, führt Gespräche mit Eltern und sucht bei Bedarf die Familien auch zu Hause auf. Sie hat viel Erfahrung im Umgang mit - auch religiös aufgeladenen - Konflikten und stellt fest: "Glauben und Religion prägen unser Denken und Handeln mehr als uns bewusst ist. Man muss da nur ganz genau hinschauen - auch bei sich selbst." Schulleiter Christian Lenz unterstreicht: "Wir brauchen hier eine besondere Sensibilität dafür, wie Jugendliche mit Religion umgehen. Im Rauhen Haus ist das ebenfalls Thema. Deshalb ist der intensive Austausch der Erfahrungen wichtig. Wir können dadurch mit mehr Gelassenheit an schwierige Themen herangehen."

Der gemeinsame Nenner
An diesem Gymnasium werden die "heißen Eisen" nicht von oben herab entschieden, sondern konstruktiv diskutiert. Sei es etwa die Beteiligung muslimischer Mädchen an Klassenreisen oder am Sportunterricht. Katja Röschmann erinnert sich auch an eine besonders lange Debatte mit den Elternmentoren über Sexualkunde im Biologieunterricht. Am Ende konnten die Eltern das Unterrichtthema akzeptieren, weil sie erfahren hatten, wie der Gesetzgeber damit Kinder und Jugendliche vor Gefahren schützen möchte. Katja Röschmann: "Theoretisch könnten wir uns einfach auf die Gesetze und Lehrpläne berufen. Aber wir gehen aus Prinzip immer in den Austausch der unterschiedlichen Perspektiven. Wir nehmen alle in die Verantwortung, einen gemeinsamen Nenner zu finden."


Buchtipp: Soziale Arbeit mit jungen Geflüchteten in der Schule



Ein Arbeitsbuch für SozialarbeiterInnen und Lehrkräfte mit Konzepten und Praxiserfarungen, mit Hintergrundwissen und Informationen zu rechtlichen und ethischen Fragen.
Claudia Seibold/Gisela Würfel (Hrsg.), Beltz Verlag, Weinheim 2017, 220 Seiten
16,95 €, ISBN 978-3-7799-3455-4